12vorFuchs Improvisationstheater

Der Fluch der Zeit


Ein Märchen von 12 vor Fuchs und Barbara & Helmut vom Improvista Social Club

Es waren einmal vor langer, langer Zeit, in einem fernen Land, eine Königin und ein König. Die beiden waren einander voll Innigkeit zugetan, und das ganze Königreich erfreute sich an ihrer Liebe. Jedoch waren die beiden nicht mehr die Jüngsten, und wie sehr sie sich auch mühten1 , die Königin wurde und wurde nicht schwanger. Dies ließ die königlichen Stirnen vor Sorge faltig werden – kein Kind heißt schließlich keine klare Thronfolge2, und dies wiederum kann nur tragisch enden.

Das wussten alle im Königreich – so auch der Zwergdruide und seine Tochter, die am Rande des dunklen, dunklen Waldes in einer kleinen Hütte wohnten. Daher brauten sie einen Trank aus Arnika, Brennessel, Damiana und Vergissmeinicht3, um der Königin Fruchtbarkeit zu schenken.

Die Werwölfe aus dem dunklen, dunklen Wald jedoch, die freuten sich schon auf das Chaos und das Gemetzel4, das eine umstrittene Thronfolge mit sich bringen würde, und sie entsandten ihren Anführer, dass er dem Druiden den Garaus machen möge, bevor der Trank fertiggestellt war.

Schon von Weitem konnte der Zwergdruide die Wölfe heulen hören, und schickte seine Tochter aus, schnell mit dem Trank zur Königin zu laufen. Er selbst, bereit die Schmerzen der Werwolfzerfleischung zu ertragen, biss in seinen Trankkochlöffel, und legte sich vor seine Hütte, um für das Wohl des Königreichs zu sterben.

Der Werwolfanführer jedoch, der zauderte noch. Es überkam ihn das für einen Werwolf schändlichste aller schändlichen Gefühle – das Mitleid5. Erst musste er seine eigenen traumatischen Erlebnisse im Geiste überkommen, bevor er sich zu einem Angriff auf den Zwergdruiden durchringen konnte6.

Indes war die Druidentochter keuchend im Schloss angekommen, und die Königin entnahm ihren zitternden Händen den Fruchtbarkeitstrank. Sie schluckte, lächelte, und sofort begann ihr Bauch – kleiner und kleiner zu werden7, und dann ihr ganzer Körper, und schwups, da war sie weg8. Da machten sie Augen, die Zofe und der König, und auch die Druidentochter. Wo war die Königin nur hingekommen?

Der Einzige, der das wohl beantworten könnte, war wohl der Druidenvater. So eilte die treue Tochter wieder zurück zur Hütte, doch was musste sie sehen? Erst jetzt jagte der Werwolf, der sich nun wohl endlich für den Angriff entschieden hatte, in die Lichtung und zur Hütte – nur, da war niemand9.

Was in aller Welt war geschehen? Die Zwergdruidentochter wartete ab, bis der Werwolf von dannen gezogen war, und befragte die Kugel der Zeit, die Kristallkugel ihres Vaters. Und da – tatsächlich, sieht sie das Antlitz ihres geliebten Vaters, und daneben – ja was in aller Welt? – das der Königin, und die beiden sind – im Bett miteinander! Und im Zeitraffer sieht sie erst rückwärts wie die beiden einander kennenlernen in der Zwischenwelt der Kugel, und vorwärts wie die Königin schwangerer und schwangerer wird, und schließlich ein Kind gebiert, und mit ihm und dem Zwergdruiden aus der Kugel zurück in die Welt purzelt.

Als die Zwergdruidentochter das Kindlein erblickt, da wird ihr ganz warm ums Herz – und dann ganz kalt, denn sie begreift, dass der aus der Kugel der Zeit Geborene geplagt sein wird vom Fluch der Zeit.

Und wahrlich, kaum ist die Königin zurück im Schloss angekommen und in den Armen ihres geliebten Mannes, da muss sie sehen, wie aus ihrem Wickelkind ein Knabe geworden ist, welcher kaum einmal um den Thron gehopst war, bevor ihm ein Bart wuchs, dieser ergraute, und ihm die Zähne aus den faltigen Lippen fielen. Was für ein Leben – wie kurz und ohne Chance gelebt zu haben. Doch da – es klopfte an der Tür, und herein trat die Zwergdruidentochter mit einem Trank in der Hand. Zwar wusste sie nichts, was die Alterung des Prinzen verhindern könnte10, doch sie wollte ihm und sich zumindest einen Funken einer Chance geben. Sie alterte sich selbst auch, und die beiden waren– wenn auch nur für wenige Minuten – in Liebe vereint1112.

Und da sie nun wohl schon gestorben sind, leben sie heute nicht mehr. Und die Moral von der Geschicht13: Sei immer schnell, sonst kriegst du‘s nicht.

 


1 Ad. Familienplanung gibt es eine klare Anweisung: „Komm!“
2 Bei klarer Thronfolge kommt es jedoch oftmals zu methodischer Familienmitgliedsausrottung, von der Kinder wegen des PG-17-Ratings abgelenkt werden müssen, e.g. durch den gezielten Einsatz von Buntstiften. Warnung: Dies kann jedoch auch nach hinten los gehen und letztlich steht man selbst mit dem Buntstift in der Hand da, vor der Bürokratie eines Königreiches.
3 So benannt, weil sich „Myosotis“ nun tatsächlich niemand merken kann.
4 Es sei angemerkt, dass nicht nur Werwölfe solche Verhaltensweisen aufweisen, sondern diese auch von Kriegerinnen geteilt werden können, welche aus bloßer Fadesse und Mangel an Jünglingen das Kriegsspiel herbeisehnen (Quelle: Balladen der Kriegerinnen, spätes 17.Jh)
5 Vgl. Erlebnis selbigen Werwolfes, als dieser in früher Adoleszenz selbst einen schmerzlichen Verlust ertragen musste – den seiner Lieblingsspielkeule.
6 In Rabiatus‘ Traktat über des Tierreich finden sich Belege, dass so etwas mit einem Rhinozeros nicht geschehen wäre.
7 Postuliert wird im Allgemeinen, dass das größer und größer Werden des Bauches durch eine Reise ins Schlaraffenland möglich gewesen wäre – solche Hypothesen sind allerdings bis dato unbestätigt.
8 Schon bei Chemikus Maximus findet sich der Hinweis, dass das Halten von Blaumeisen in chemischen Labors nicht anzuraten ist, da diese eine starke Tendenz aufweisen, ihre Exkremente in Braukessel zu entleeren, weshalb die molekulare Stabilität der zu brauenden Substanzen nicht gewährleistet werden kann. Ein gewisser Präsident der Vereinigten Staaten hat in dieser Sache auch einen Sezierkurs besucht, um den Einsatz von Blaumeisen („Blauhelme“ versteht er nämlich leider nicht) in der Bekämpfung von ABC-Waffen zu untersuchen. Leider versteht er auch „ABC“ nicht und kann mit seinen kurzen Fingern die Blaumeise kaum umfassen, aber sicherheitshalber lässt er eine Mauer bauen, um Fremdlinge von seinen Experimenten fern zu halten.
9 Genaueres zu diesem Vorfall ist nachzulesen bei Eichhörnchen Schnuff unter „Der Tag an dem mir die Nüsse zu Füßen fielen vor Schreck – der Druid der war weg“.
10 Sie hätte wohl den weisen, alten Drachen zu Rate ziehen wollen, doch der ist beim Turnierreiten gegen Sir Mausus in die Hochspannungsleitung gekommen.
11 Jedoch vgl. Kitschus Romantikus, der in seinem Werk beschreibt, wie die beiden einander in jungen Jahren beim Blumen Pflücken begegnen. Aus seiner Abhandlung ergäbe sich natürlich: „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“.
12 Anzumerken sei hier, dass ihnen dabei eventuell das unangenehme Schicksal lange verheirateter Paare erspart geblieben sein kann, die oft nach Jahren erst aussprechen können, wie unliebsam der Habitus des Partners, ständig Maronis zu schmeißen, für sie ist (so zitiert in „Geschichten auf offener See und ihre Opferstatistik“).
13 Hinweis speziell für Ungeheuer wie Werwölfe, aber allgemein anwendbar.

 

(js)

 

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