12vorFuchs Improvisationstheater

Mit Anlauf und weit vom Beckenrand

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Ich hatte als Kind lange Zeit Angst vor dem Ertrinken. Dem Schwimmen näherte ich mich erst mit zehn Jahren mit viel Überwindung an. „Wasserscheu“ nannte man das damals. Der Grund war ein traumatisches Erlebnis im Badeteich als Kleinkind. Ich rutschte durch die Hände meiner Tante, verschluckte Wasser, hustete, bekam zu wenig Luft. Meine Panikschreie wurden zunächst als fröhlich-planschendes Lachen interpretiert. Seither war zu viel Wasser im Gesicht ein Problem für mich.

Das nächste Schlüsselerlebnis hatte ich in der ersten Klasse Gymnasium. Ich hatte mit zusammengebissenen Zähnen einen Schwimmkurs gemacht, um bei der Turnstunde im Hallenbad nicht der einzige Nichtschwimmer zu sein. Nur ein weiterer Mitschüler hatte offensichtlich ähnliche Berührungsängste mit dem Wasser wie ich. Als vom Professor ein Sprung in den Schwimmerbereich (ins „Tiefe“) für alle hintereinander angeordnet wurde, vermied ich den Blick meines Mitschülers.

Ich war zuvor immer nur kurz von Beckenrand zu Beckenrand geschwommen, wusste aber nicht, was man tun muss, um nach einem Sprung wieder an die Oberfläche zu kommen. Mehr noch, ich war einmal während des Schwimmens etwas unter Wasser geraten und versuchte vergeblich wieder ganz aufzutauchen – mein achtsamer Schwimmlehrer hatte mich nach kürzester Zeit hochgezogen. Also vermutete ich, dass man nicht automatisch nach oben käme.

Meine Schulkollegen sprangen einer nach dem anderen, ich konnte von hinten nicht erkennen, welche Bewegungen sie wieder nach oben brachten. Ich verspürte leichte Panik. Zu sagen, man traue sich nicht, war undenkbar. Doch immerhin: Ich konnte mich direkt hinter meinem zögernden Mitschüler einordnen. An ihm würde ich am besten sehen, wie es ginge, und noch dazu aus der Nähe. Er sprang, sehr zögerlich und ängstlich. Ich sah es. Und dann musste ich eine Entscheidung treffen.

Dieser Moment war sicherlich die dramatischste Ausprägung einer Situation, für deren Lösung das Improvisationstheater eine gute Schule ist. Wenn etwas Ungewisses vor mir liegt, mit ungünstigen Vorzeichen, eine besondere Herausforderung mit Potential zur kleinen Katastrophe, komplex und mit vorbereitender Denkleistung nicht in den Griff zu kriegen: Auch dann merke ich, dass dringend eine Entscheidung ansteht.

Nämlich die zur Tat. Mit Überzeugung und vollem Karacho. Mein Mitschüler war damals so ins Wasser gesprungen, dass er die Hand am Beckenrand behielt. Ich wurde daraus also nicht klüger. Jedoch war eines klar: So wie er springe ich nicht. Ich will es wissen. Jetzt oder nie.

Genauso springe ich heute ins Ungewisse, mit Anlauf und weit vom Beckenrand. Weil ich wissen will, wie ich wieder auftauche. Ob das dann wie von selber geht. Und ich dabei wieder etwas über mich selbst lernen kann, das mir sonst verschlossen geblieben wäre. Vielleicht sogar etwas besonders Kostbares.

Das beste Impro-Theater entsteht, wenn ich mich am Rand des Ungewissen für die Tat entscheide. Je kompromissloser, desto schöner. Und mit jedem Mal geht es ein Stückchen weiter.

Übrigens, vor ein paar Jahren hatte ich erstmals unbeschwerten Spaß beim Tauchen im Meer…

Erik, September 2018

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